| 24.03.2004
Tagesspiegel Online
Tec-Dax im Sympathie-Hoch
Vor einem Jahr begrub die Deutsche
Börse den Neuen Markt und schuf einen neuen Handelsplatz
für Technologiewerte
Berlin. Es darf gefeiert werden: An diesem Mittwoch
wird der Tec-Dax ein Jahr alt. Am 24. März 2003 eröffnete
die Deutsche Börse das Marktsegment als Nachfolger des Neuen
Marktes. Seitdem hat der Index, in dem die 30 wichtigsten deutschen
Technologieaktien enthalten sind, mehr als 60 Prozent gewonnen.
Eine Erfolgsgeschichte, wie die meisten Börsianer finden.
„Der Tec-Dax ist viel stabiler als der Neue Markt und die
Unternehmer sind reifer“, sagt Norbert Kretlow, Senior Analyst
bei Independent Research. „Der Index enthält die Großen
der Branche, um deren Qualität man sich eigentlich keine
Sorgen machen muss“, sagt Raik Hoffmann, Fondsmanager bei
der größten deutschen Investmentgesellschaft DWS. Auch
die Deutsche Börse, deren Image nach dem Absturz des Neuen
Marktes gelitten hatte, feiert die Neuordnung der Börsenlandschaft:
„Summa summarum haben wir das Richtige gemacht und das Glück
des Tüchtigen gehabt“, sagt Christoph Lammersdorf,
bei der Börse für die Indizes verantwortlich. „Anleger
und Unternehmen haben von den neuen Maßnahmen profitiert.“
Gemessen an den Kursgewinnen trifft dies zu. So verzeichnet fast
die Hälfte der 30 Tec-Dax-Werte dreistellige Prozent-Zuwächse
binnen zwölf Monaten. Die Aktie des Top-Performers, des Kölner
Telekommunikationsdienstleisters QSC, stieg bis Dienstagmittag
um 747 Prozent. Rang zwei belegt die Freenet AG, der nach T-Online
zweitgrößte Internetanbieter in Deutschland und Liebling
der Tec-Dax-Gemeinde. Die Aktie gewann in einem Jahr 452 Prozent.
Kurssprünge, die an die goldenen Zeiten des Neuen Marktes
erinnern. Aber nur auf den ersten Blick. „Betrachtet man
die absoluten Kurse, sind die Werte von ihren Höchstständen
noch immer extrem weit entfernt“, gibt Norbert Kretlow zu
bedenken. T-Online sei zum Beispiel während des New-Economy-Booms
rund 40 Milliarden Euro an der Börse wert gewesen, heute
seien es noch knapp sechs Milliarden Euro – obwohl das Unternehmen
operativ viel besser aufgestellt sei. Von einer generellen Übertreibung
der Kurse nach oben will der Analyst deshalb noch nicht sprechen.
Konstruiert wurde der Tec-Dax als reiner Technologieindex und
nicht als Wachstumssegment, das wie der Neue Markt für alle
Branchen offen ist. Die Börse übernahm deshalb die 26
wichtigsten Unternehmen des Neuen Marktes sowie vier Technologiewerte
aus dem alten M-Dax in den Tec-Dax. Der M-Dax wurde von 70 auf
50 mittelgroße Unternehmen aus den klassischen Branchen
reduziert, die 50 nächstkleineren sind im S-Dax notiert.
Der Dax blieb unverändert. Alle diese Unternehmen gehören
dem Prime Standard an, der Quartalsberichte und internationale
Rechnungslegung vorschreibt. Die 514 börsennotierten Firmen,
die diese Auflagen nicht erfüllen, zählen zum General
Standard.
„Das Etikett Prime Standard sagt noch nichts über die
Güte der Unternehmen aus“, warnt Klaus Nieding, Präsident
des Deutschen Anleger-Schutzbundes. „Das haben immer mehr
Anleger verstanden.“ Mit strengeren Publizitätspflichten
sei es allein nicht getan, wie die Betrugsfälle am Neuen
Markt zeigten. Insgesamt, so schätzt Nieding, sei das Interesse
der Privatanleger am Tec-Dax nicht so groß, wie es sich
die Börse erhofft habe. „Wer in den Tec-Dax investiert,
geht heute ein ähnlich großes Risiko ein wie am Neuen
Markt“, sagt DWS-Fondsmanager Hoffmann. Berücksichtige
man die Fokussierung des Tec-Dax auf Hightech-Firmen, seien Anleger
sogar noch mehr als früher von der Entwicklung einer einzigen
Branche abhängig. Zudem müssten Investoren beachten,
dass rund 60 Prozent der Index-Entwicklung von nur sieben Schwergewichten
bestimmt würden. Das sei zwar auch im Dax nicht anders, dort
verteile sich das Kursrisiko der Top-Aktien aber auf verschiedene
Branchen.
Am Dienstag zeigte sich der Tec-Dax zunächst in Geburtstagslaune:
Bis zum Schluss hielt er ein Plus von 0,9 Prozent auf 557 Punkte.
Ein Stresstest stehe dem Index nach dem glänzenden Börsenjahr
2003 aber noch bevor, sagen Beobachter. Dass der Index seit einem
Monat fällt und gut zehn Prozent verloren hat, sei normal.
Hoffnungswerte schwanken mit den Erwartungen der Anleger. Das
ist auch nach dem Verschwinden des Neuen Marktes noch so. Henrik
Mortsiefer
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