BETRUG / Anleger
werden immer öfter Opfer krimineller MachenschaftenGier lähmt
den Verstand
Der graue Kapitalmarkt verzeichnet
wieder Zuwächse. Angelockt von hohen Gewinnen, fallen bei
den Umworbenen leicht alle Hemmungen. ENDE: Wenn die Handschellen
klicken, ist das Geld der Betrogenen zumeist verschwunden.
Quelle: Rheinischer Merkur vom 02.05.2003, Autor: MATTHIAS DOHMEN
Es lebe die Phantasie. In einer viel beachteten Studie für
das Bundeskriminalamt hat Hermann J. Liebel, Psychologe an der
Universität Bamberg, nachgewiesen, dass Anlagebetrüger
immer geschickter vorgehen. Sein wesentlicher Befund lautet, dass
“der Variantenreichtum bei betrügerischen Offerten
in kreativ-phantasievoller Weise zugenommen„ habe. Nach
einem zwischenzeitlichen Absinken bekannt gewordener Fälle
“sind die Zahlen seit drei Jahren wieder deutlich ansteigend,
wobei die dabei erzeugte Schadenshöhe überproportional
wächst„.
Die Polizei verzeichnete im vergangenen Jahr dreimal mehr Straftaten
als 2001. Das BKA rechnet mit rund 20 Milliarden Euro, die am
grauen Kapitalmarkt versickern, der Bundesverband der Finanzdienstleister
(Berlin) und der Deutsche Anlegerschutzbund (Frankfurt/Main) sehen
die Zahl eher bei 30 Milliarden. Tendenz steigend.
Liebel hat sich bei Kriminellen ebenso schlau gemacht wie bei
ihren Opfern. Dabei stellt er als beliebte Masche fest, dass die
immer hyperseriös auftretenden Damen und Herren ihren Kunden
gerne das Gefühl vermitteln, “an etwas ganz Exklusivem
beteiligt zu sein„. Ist das Selbstbewusstsein der Opfer
nachhaltig geschmeichelt, läuft der Rest quasi automatisch
ab. Wer möchte nicht ein vermeintlich einmaliges Angebot
wahrnehmen und etwa den Schwager, der angeblich Dollar riechen
kann, erfolgreich ausstechen?
Der alte Traum vom schnellen Geld. Nach Einschätzung der
von Liebel interviewten Gauner sind die Vorgehensweisen im Vergleich
zu früher deutlich aggressiver und raffinierter geword ?en.
Seitdem Ende 1996 die Telekom-Aktie unter großem Trara und
dem TV-Dauereinsatz von Manfred Krug an die Börse kam, explodierte
die Zahl der Volksaktionäre, allerdings auch wenig später
der schöne Schein von un †ablässig steigenden
Kursen und Gewinnen. Wie bei Jürgen Drews, der sich im Internet
als Rächer der Geprellten präsentiert. Der selbst ernannte
König von Mallorca verlor viel Geld bei einem geschlossenen
Immobilienfonds.
Dabei bilden zahlungskräftige Investoren eine Gesellschaft
bürgerlichen Rechts, die es ihnen ermöglicht, Investitionskosten
und Gebühren steuerlich geltend zu machen. Kompliziert wird
es nur, wenn das Gesamtinvestment am Markt vorbei geplant wurde,
das eingesetzte Geld als Kredit aufgenommen und unabhängig
von Gewinn oder Verlust planmäßig zurückgezahlt
werden muss und – wenn es hart auf hart kommt – ohne
Ende nachzuschießen ist.
Volksbarde Drews klagt vor Gericht und wird wohl so schnell sein
Bett nicht im Kornfeld aufschlagen müssen. Er hätte
ja auch ganz nette Nachbarn. Von Liebels Befragten besaßen
64 Prozent mittlere Reife oder Abitur, und ein Viertel verfügte
über eine solide kaufmännische Ausbildung. Die meisten
scheuen, auch wenn sie selbst nichts Illegales unternommen haben,
das Licht und sind sogar anfällig für das zweite Mal.
“Recovery Room Operations„
nennen die Anlagehaie eine spezielle Form der Betrugsanbahnung,
bei der die Kriminellen Adressen tauschen: Du rufst meinen Kunden
an, ich melde mich bei deinem Opfer. “Wir haben gehört,
Sie sind betrogen worden – wollen Sie den Verlust wettmachen?„,
heißt es dann nach einem Jahr, und viele Betroffene werden
nochmalig geschröpft. Liebel hat es sich von einem Betrüger
so auf den Begriff bringen lassen: “Der Anleger ist das
einzige Lebewesen, dem man das Fell zweimal über die Oh ?ren
ziehen kann.„
War es bei dem einen ein geschlossener Immobilienfonds, sind es
bei anderen stille Beteiligungen oder – gern gesehen –
Penny Stocks: Billigstaktien, die an der amerikanischen Nasdaq
gehandelt werden und die man doch vom täglichen Update im
Fernsehen kennt. Bei den stillen Beteiligungen, die im Übrigen
steuerlich gefördert werden, handelt es sich nicht selten
um Immobilieninvestments, bei denen der Sparer Mitunt †ernehmer
einer Gesellschaft wird. Gerät sie in Schwierigkeiten, steht
der Geprellte bis zur Höhe seiner Einlage dafür gerade.
Um Haftungsforderungen aus dem Weg zu gehen, enthalten die Prospekte
für diese Anlagen durchaus realistische Angaben zum Risiko.
Fragt der Interessent dann nach, werden ihm lächelnd die
Einnahmehinweise von Arzneimitteln unter die Nase gehalten. “Lesen
Sie mal den Beipackzettel von Aspirin„, sagt der Vermittler
dann, “Hautausschlag, Darmbluten, Magengeschwüre. Wegen
des Arzneimittelgesetzes muss das da stehen. Genauso ist das mit
unserer Geldanlage.„
Das Gros der Investments wird immer noch von Bekannten vermittelt,
die sich sicherer fühlen, wenn sie nicht allein im Boot sitzen,
stellt das BKA fest. Auch Schneeballsysteme stehen unverändert
hoch im Kurs, ebenso wie "Traumrenditen„ auf den Cayman-Inseln,
die man füglich nur als Tourist oder virtuell besuchen sollte.
Immer wieder werden gutgläubige Handwerker und Zahnärzte
am Telefon geworben. „Der
beste Schutz vor Kriminellen",
rät der Vorsitzende des Anlegerschutzbundes, Klaus Nieding,
„ist
es dann, den Hörer aufzulegen".
Externe Links
http://www.niedingbarth.de
http://www.bka.de/text/hinweise/angebot.html
http://www.lka.nrw.de/aktuell/nigeria.htm
http://www.propk.de
http://www.polizei.nrw.de
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